rotbuntes Höhenvieh (Westerwald/Taunus)
Foto Andrea Fasch  

In der Landwirtschaft haben sich in den letzten Jahrzehnten aus Ertragsgründen immer mehr Spezialrassen gebildet, die nach und nach die Regionalen und überregionalen Wirtschaftsrassen verdrängten. Diese Entwicklung kann nicht nur positiv gesehen werden. So hat sich gegen Ende des letzten Jahrhunderts die Gesellschaft zur Erhaltung bedrohter Haustierrassen (GEH) in Deutschland, aber genauso auch Gesellschaften gleichen Interesses in anderen Europäischen Ländern entwickelt.

Was sind regionale Rassen?
Als der Mensch begann, Wildtiere zu domestizieren und sie durch geplante Vermehrung und Auswahl der Elterntiere seinen Bedürfnissen entsprechend umzuformen, entwickelten sich unterschiedliche Rassen. Diese waren den jeweiligen Rahmenbedingungen, in welchen sie mit ihrem Besitzern leben mussten, angepasst. Als Rahmenbedingungen gelten Klimatische Verhältnisse, aber auch Bodenqualität und Dichte der Besiedelung. Häufig dienten die Tiere nicht nur einem alleinigen Zweck, sondern mussten in vielen Dingen die Ansprüche ihrer Herren erfüllen.
Beispielsweise wurde der Belgische Ardenner sowohl für schwere Zugarbeit - heute besonders im Wald, aber auch als genügsamer Grassfresser und schwerer Fleischlieferant gezüchtet. Auch das Glanvieh wurde zur Dreinutzung gehalten (Fleisch, Milch, Arbeit).
Das Problem bei regionalen Rassen ist, das man eine ausreichende Population an Tieren in einem Gebiet braucht, um bei der Zucht selektieren zu können. Nur dann bleibt der Bestand gesichert und die Population gesund. Ein Absinken der Zahlen der gehaltenen Tiere spiegelt eine Veränderung in den Nutzungsweise dar. Die Gründe, die einer Rasse zu ihrer Blüte den Erfolg sicherte, können sich ändern, was z.B. ein geändertes Verbraucherverhalten oder eine geänderte Bewirtschaftung wiederspiegelt. Wird die Rasse "nicht mehr gebraucht" wird sie von anderen Tieren verdrängt. Damit sinkt die Populationsdichte, die Möglichkeit der Selektion und damit auch die Leistung der ehemals starken Rasse, wodurch sich erklärt, warum "Restbestände" meist nicht das ehemals vitale Bild der einstigen Tiere wiederspiegeln.

Ardenner (Belgische Eifel)
Foto Roswitha Preis  



Was ist das besondere an überregionalen Rassen?
Ursprünglich entstanden die überregionalen Rassen aus regionalen Rassen, jedoch wurde bei ihrer Erzüchtung besonderer Wert auf eine bestimmte Fähigkeit gelegt. Diese "Spezialisten" wurden nach und nach im weiten Kreis bekannt und gefragt. So verdrängten diese Tiere nach und nach die früher eingesetzten ortsüblichen. 
Da die überregionalen Rassen zunehmend in immer fremderen Klima oder geänderten Bodenverhältnissen gehalten wurden, änderte dies auch die Landwirtschaft, besonders die Stallungen und die Fütterung. Auch fiel jedes Tier, welches sich nicht anpassen konnte aus der Zucht. Daher verengte sich die Vererbung der Tiere immer mehr in Richtung auf ihr Spezialgebiet. Die Haltung in weiter Verbreitung ermöglicht eine gute Zuchtauswahl, was wieder zu starken Populationen führt. So ist bei überregionalen Rassen nicht mit einem enger werdenden Genpool (Inzuchtdepression) zu rechnen.
Wenn zu der Nutzbarkeit dann auch noch ein gutes Management die Zucht regelt, ist eine weltweite Population wie z.B.. die Holstein-Friesiah-Rinder wie eine regionale Zucht zu behandeln und kann alle Vorteile der Rasse ausschöpfen.

Glanrind (Eifel)
Foto Andrea Fasch  


Wenn man von Nachteilen dieser Hochleistungstiere hört oder liest, welche durch die Spezialisierung auftreten sollen, so handelt es sich um einige, zu Hobbyzwecken gehaltene Tiere, nicht jedoch um Produktionsbestände. Denn im Gegensatz zu dem Hobbyhalter, der robuste Tiere zu vielen Zwecken halten möchte, wie diese früher üblich waren, sind für die landwirtschaftliche Produktion ganz andere Aspekte von Bedeutung.
Auf Zuchtauktionen kann man heute hervorragende Tiere sehen, die alle früheren Nachteile der regionalen Rasse verloren haben und äußerst vitale, unter höchsten Belastungen leistungsfähige Tiere finden. Betrachtet man dies nüchtern, ist hier zum Wohle des Tieres selektiert worden.

Die heutige Bedeutung regionaler Rassen
Die intensiven Bemühungen, lokale Rassen zu erhalten sind sehr wichtig. Als ein Stück Kulturgut sind sie erhaltenswerte Geschöpfe, die einen ganz individuellen Genpool zur Verfügung stellen können. Allein diesen zu erhalten sollte eine Aufgabe der Menschheit sein.
Jedoch ist es nicht leicht, Rassen mit geringer Population zu erhalten. Ihr Schicksal ist eng verbunden mit der Wirtschaftsweise der betreffenden Region. Ändert sich diese, wird die Rasse nicht mehr benötigt.
Es sind idealistische Menschen, die eine Rasse über weite Durststrecken rettet. Außer den Tierparks wie z.B. Warder, den Archeprojekten, sind es besonders die Rassezüchter, also einzelne Menschen, die sich den Erhalt "ihrer" Rasse auf die Fahne geschrieben haben.

Favonerolles (Zentrealfrankreich)
Foto Andrea Fasch  

Wichtig ist jedoch, das sich in der Landwirtschaft Betriebe etablieren können, die die Nutzung der Tiere betreiben. Hierfür kommt den Grenzregionen eine besondere Bedeutung zu. Ein Spezialistentier kann bestimmt den Einsatz in einer bestimmten Region ertragen, aber oft kommt es an dieser Stelle nicht mehr auf die besondere Leistung des Spezialisten an, sondern auch auf die Anpassung.
So kann eine große Schwarz-bunte Friesenkuh wohl auf der mageren Eifelweide überleben, wird jedoch mit ihren Klauen den Boden weit mehr schädigen, als ein zierliches Glanrind. eine Hybridhenne kann in Hobbyhaltung bei bestem Futter und gutem Stall auch Eier legen, eine robuste Landrasse ist jedoch viel anspruchsloser.
Jedoch darf man eines nicht vergessen: Wird die regionale Rasse nicht mehr für den Zweck genutzt, für den sie sich einst entwickelte, kann man wohl noch Tiere züchten, die diesen im Aussehen ähneln, jedoch wird das ursprüngliche Leistungspotential und damit das Wesen des Tieres verloren gehen.
So ist das Motto der GEH-Begisch-Land gleichzeitig Schlüssel zum Rasseerhalt: "Erhalten durch aufessen/nutzen". Denn bei aller Liebe zum Rasseerhalt ist ein im engen Auslauf lebender Westfälischer Totleger oder ein im Reitstall integrierter Ardenner nicht mehr das Tier, das es zu erhalten gilt, sondern nur noch ein Aphorismus an eine längst vergangene Zeit. Unter diesen Bedingungen würde ein anderes Tier bessere Dienste leisten.
Jedoch ist in den schroffen, engen Wäldern der Ardennen kaum etwas sinnvoller zur Waldarbeit, wie der Einsatz der ortsüblichen Ardenner, oder zur Haltung in offenen Landschaften angepasster als der flinke, witterungsfeste Totleger, der Feinden durch Flucht bis in die Baumwipfel entgeht und mit wenig Zufutter im einfachsten Stall zu halten ist.

Das Überleben regionaler Rassen
Heute sind regionale Rassen keine wirkliche Konkurrenz für überregionale Wirtschaftsrassen mehr. Die Landwirtschaft hat sich stark zu Ungunsten der regionalen Rassen verändert und diese Entwicklung ist nicht reversibel.

Rotbunte im Zuggeschirr (Eifel)
Foto Roswitha Preis  


Jedoch sollte man trotzdem nicht die regionalen Besonderheiten aus dem Blick verlieren. Die regionalen Rassen haben immer noch einen Platz im kleinbäuerlichen Wirtschaftsgefüge; dort liegt ihre Chance und der Grund sie zu erhalten.
Wichtig ist hierbei besonders die Nutzung jeder Möglichkeit zur Erhaltung bester Elterntiere. Dies bedeutet ein Zuchtmanagement, Datenerfassung, z.T. auch künstliche Besamung und Embryotransfer. Dies allerdings sind Stichworte, die sich häufig nicht mit den realitätsfremden, romantischen Vorstellungen derjenigen vertragen, die gerade deswegen die alten Rassen bevorzugen, weil sie der hochtechnisierten Landwirtschaft eine Alternative entgegensetzen möchten.